norbert walter peters
komponist • klangkünstler
Installation VASI-ON, Detail
  Über die situationsspezifischen
Klangräume:
   
2002 "(Die)Abbildungen (von Ablinger, Haas,
Kubisch, Peters, Stäbler, Tsangaris) auf
den folgenden Seiten mögen zeigen, dass
auch traditionelle Neue-Musik-Festivals sich
um die Erweiterung der künstlerischen
Ausdrucksmittel bemühen (Bildtext Seite 53:
'Tag- und Nachtstück im magischen Kreis:
Norbert Walter Peters in seiner
Klanginstallation Vasí-on, die er bei den
Donaueschinger Musiktagen 1999 inszenierte')
... Nein, wir wollen uns die Orte der
Auseinandersetzungen mit frischen
musikalischen Ideen nicht nehmen lassen!
... Aufgabe ist es, immer wieder Barrieren
(auch die eigenen) einzureißen und wach
wie offen zu bleiben gegenüber allen sich
regenden Widerständen ...".

Reinhard Schulz
"Dossier - das Zeitgemäße und
Unzeitgemäße der Festivals Neuer Musik"
nmz (neue musikzeitung) Februar 2002
 
2001 Pressestimmen zu CavæTóna:

" ... haben auch die Komponisten
Norbert Walter Peters (und Nicolas Collins)
je ein weiteres Zimmer in eine agile
Schallkunst-Situation versetzt: eine finstere,
spirituell aufgeladene Höhle die eine ..."

Saarländischer Rundfunk
Stefan Fricke 21.10.2001


" ... Der verletzendste Raum (Autor:
Norbert Walter Peters, D) aber ist
vollständig dunkel gewesen und man
hört nur tröpfelndes Wasser und von ferne
das Krächzen von Krähen; das Ganze hat
eine 'süßliche' Atmosphäre, sehr
'brennend'; schon jetzt brauche ich viel
Entschlossenheit. Wenn man dann den
Wunsch verspürt sich aus der Dunkelheit
wieder zurückzubegeben an die Sonne,
wird ein Streichholz angezündet. Ein
weißgekleidetes junges Mädchen bietet
einem dieses Streichholz an und zeigt auf
den Tisch, wo eine Schale liegt, mit feinen
abgebrannten Streichhölzern darin. Du bist
danach auf dich alleine gestellt, allerdings
mehr als ein 'anstößiger Paria', alleine mit
einem weißen 'Elefanten' an den du dich
'anlehnen' möchtest. Außerdem ist für dich
nichts mehr 'vorgesehen'. Die
'schwarz-gefleckten' sind heiser, das
tröpfelnde Wasser ist jetzt mehr ein
'Nebenfluß', ja sicher man befindet sich in
einem 'ärmlichen' Hotelzimmer, was doch
den Namen 'tröpfelnde Installation' trägt,
diese macht keinen provozierenden
Eindruck, (es gibt) keine stimmliche
Aktion des ... Mädchens. Wonach ich
'vernarbt' Abschied nahm, wo noch dazu
deine Vorstellungskraft dort gefragt ist, im
Geschehen der Rauminstallation des
(diesjährigen) Musikprotokolls ..."

VECER (Der Abend)
Lojze Smasek 16.10.2001, Slowenien


Radiofeature:

"Norbert Walter Peters will anderes als die
anderen und ist dementsprechend schwer
einzuordnen; schon die Unterzeile dieses
Porträtversuchs, welche ihn als
'Komponisten', 'Klangkünstler' bzw. ganz
schlicht als 'Musiker' apostrophiert, tut sich
etwas schwer. Insbesondere der Performer
und seine Klanginstallationen entziehen
sich eingelernten Definitionsebenen,
obwohl gerade der Bereich der Klangkunst
in den letzten Jahren sich einen festen
Platz zwischen den Kunstvereinen und
den Festivals für Neue Musik erobern
konnte...

Mit der Frage nach dem Verlauf, der sich
als musikalisches 'Kunstwerk' in eine
Tonspur eingräbt, ist durch Peters' folgende
Konzentrierung auf die Klanginstallation
keinesfalls leichter umzugehen. Die
permanente Installation eines
Klanggeschehens dehnt die Endlichkeit
der Performance zwar auf die
Dauer einer Ausstellung aus, sie legt damit
ihren 'Konzertcharakter' ab, ist wiederholbar
an anderen Orten unter anderen räumlich,
akustischen Vorzeichen und ist doch
unwiderruflich vorbei, wenn abgebaut wird.
Die Installation ist der in die Länge
gezogene Augenblick, in gewisser
Weise die phasenweise gefrorene Aktion,
über deren Starre sich die Klänge
hinwegsetzen. Ihre Reproduzierbarkeit
ist deshalb keinesfalls einfacher, die
Klangspur ist zwar ihre Musik, allein,
ohne die authentische Umgebung ist sie
fragwürdig; aber es gibt es kein anderes
Mittel, die Installation zu erinnern, denn
die Fotografie des gegebenen bleibt
stumm.

Zum Beispiel EKSIT, eine 'organische
Geräuschmusik über Leinenstreifen', ein
'akustischer Kreuzweg', 1991 ausgelegt auf
der südlichen Empore der Kölner
'Kunst-Station Sankt Peter'...

14 assoziative Kreuzwegstationen am
zerklüftet ausgelegten Leinenstreifen
entlang, vorbei an den akustischen
Zentren der Rekorder. Der Baum, wie
schon so oft eine Pappel, ist
Klangmetapher auch im Fall durch die
Kettensäge. Es geht auch um ein
Erleiden. Die Akustik, ohnehin verwischt
durch den Kirchenraum, ist durch die
schlichten Maschinen
(Monokassettenrecorder) zusätzlich
limitiert.

Peters greift immer wieder auf diese
schlichten Maschinen zurück. Partiell
erinnert er mit seinem
Technikverständnis an den
Klanginstallations-Pionier Rolf Julius.
Hochgezüchtete Digital-Tapes
interessieren ihn bei der
Installationsarbeit nicht. Er will die
traurigen Rekorder mit den kleinen
Lautsprechern im Gefängnis eines billigen
Kunststoffgehäuses, deren Klang von
Anfang an beschädigt ist. Obwohl er
seine Tapes mittlerweile auf dem
Computer bearbeitet, konserviert er damit
einen technischen Materialstand der
späten 70er Jahre. Das ist seine
Klangfarbe! Peters pflegt im übertragenen
Sinne eine Art musikalische ‚arte povera'-
Ästhetik. Die Soundtotale ist fast
unmöglich. Die Aufnahme muss
vergrössern bzw. vergröbern und kann
die nagende Intensität nicht fassen oder
klingt, um es etwas salopp zu sagen, wie
eine Mischung aus Baustelle,
Schwimmbad und Campingplatz ...

Das Verwischen in der Unschärfe ist
wesentlich für die eben schon angemerkte
'arte povera'-Klangwelt der kleinen,
billigen Kassettenrekorder, welche
die Mehrstimmigkeit ihrer Endlosspulen
im ärmlichen Monorauschen schon
vergeuden. Die Mehrstimmigkeit relativiert
sich um ein mehrfaches; in den einzelnen
Tonbändern gleichsam verdeckt, ist das
polyphone Geäder in den Raum gesetzt,
der es verschluckt, verhallt oder ins
Vielfache verunsichert. Je nachdem, wo
sich der Besucher der Installation befindet,
nimmt er die Vielstimmigkeit anders
wahr. Das potentielle Stimmengewirr
der wimmernden Tongeber wird
durch den in der Installation
wandernden Zuhörer-Betrachter im
Augenblick individuell geregelt. Der
Komponist legt Spuren, die nur noch
schemenhaft kenntlich sind, der Rezipient
bahnt sich seinen eigenen sehenden,
hörenden Weg durch das Netz der optisch
akustischen Signale. Aber was ist daran noch Komposition? ..."

"Ich transportier' Energie"
Ein Porträt des Komponisten, Klangkünstlers
und Musikers Norbert Walter Peters (Auszug)
von Reinhard Ermen swr Baden-Baden/
(KUNSTFORUM INTERNATIONAL)
Sendung: 28.07.2001 im Atelier Neuer Musik
des
Deutschlandfunks KÖLN
 
2000

"Orts- und situationsspezifische
Installationen scheinen von
Satellitenübertragungen, Telefon-
und Internetkonzerten meilenweit entfernt.
Als der Begriff situations-spezifisch,
'site-specific', um 1967 in den USA auf-
tauchte, meinte er eine auf einen
konkreten Ort zugeschnittene Kunst;
beispielsweise die Land-Art. Sehr
schnell löste sich der Begriff jedoch
von einer ausschließlichen Definition ab,
die eine Situierung von Kunst an einem
konkreten Ort, dessen Besonderheit
hervorgekehrt werden sollte, meinte.
Situation war ohne Gedanken an ein
wahrnehmendes Subjekt unmöglich zu
bestimmen; der Rezipient rückte ins
Zentrum der Definition: Kunst konstituiert
sich als eine konkrete ästhetische Erfahrung.

Die Präsenz eines Besuchers an einem
bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit,
ist vorausgesetzt. Simulationen mit Klang
zeigen Möglichkeitsformen von Orten auf.
Fiktionen entstehen aber auch, wenn
Spuren, Übersehenes, Zugewachsenes
oder Untergründiges zum Vorschein
gebracht wird. Mit fast subliminalen
Klangspuren zeichnet Norbert Walter
Peters Räume nach, die auch
Erinnerungen an längst Vergangenes
wecken sollen. In Vasí-on von 1999
verweist er mit seinen den Bezirk des
Pavillons im Schlosspark von
Donaueschingen markierenden
Klängen auf eine geheimnisvolle Urzeit.

'Der Bezirk des Pavillons ist in meinem
Verständnis ein feminin ausgeprägtes
Kleinod: ein Platz, an dem das Yin sehr
stark dominiert.'

Die Geräuschmusik ist auf
Kassettenrecordern festgehalten. Die
Beziehungen zu menschlichen
und tierischen Lauten oder zur
Struktur von Chopins g-Moll Nocturne
ist in Norbert Walter Peters' Vasí-on
zu einem geheimnisvollen
Klangritual umgewandelt."

Helga de la Motte-Haber
"Grenzüberschreitungen zwischen
den Kunstgattungen"
19.02.2001 swr2
"Vom Innen und Außen der Klänge"

 
1999 "Die inspirierende Kraft eines Raumes ist
für den Komponisten Norbert Walter Peters
eine wichtige Voraussetzung. Konkrete
Geräusche der Umwelt sind in ein
mikrotonales Gewebe umgewandelt, das
jedoch beim genauen Hinhören wie in
Andeutungen als rhythmisch-hämmernd
oder melodisch pfeifend wirken kann; es
strahlt im Raum verteilt von kleinen
Kassettenrecordern meist ganz leise
Bedeutungen aus, deren Zeitstruktur
im Entlanggehen konturiert werden muß.
Klangspuren entstehen, als handele es
sich um archäologische Reste einer
untergegangenen Welt. Peters verdeutlicht
solche Spuren gern optisch durch Staub
und andere minimale Ergänzungen ...

Peters verdichtet den Raum, seine
Geschichte und Gegenwartsprobleme
zu Fragen, deren dramaturgischen Ablauf
der Beobachter mitbestimmt.
Die narrative Struktur unterscheidet
sich von traditionellen Ausdrucksgesten.
Es ist der Raum, der spricht ... "
(S. 260-262)

"In der Verbindung von zeitlich
akustischen, gestisch räumlichen
Komponenten werden Spuren festgehalten
oder freigelegt, die aber geheimnisvoll
bleiben wie auch die Titel seiner
Arbeiten ..." (S.316-317)

Helga de la Motte-Haber
"Klangkunst.Tönende Objekte und klingende
Räume" - 1999
Handbuch der Musik im
20.Jahrhundert, Band 12
ISBN: 3-89007-432-4
 
 
Pressestimmen zu 'Vasí-on'

"Will man dem Lärm einer Stadt
entfliehen, so nimmt man oft lange
Autofahrten in Kauf, um in der Natur Ruhe
und Stille zu finden. In Donaueschingen
sind es nur ein paar Schritte, die das
eine vom anderen trennen. Von der
Fürstenberg-Brauerei aus über die
Brücke, dann führt der Weg die Brigach
entlang in eine andere Welt: Jeder Schritt
in diese Natur schärft das Gehör, lässt es
auch wieder leise Geräusche
unterscheiden. Im Pavillon im
Schloßpark hat Norbert Walter Peters
Naturgeräusche auf Kassetten
festgehalten, die als Klanginstallation
Vasí-on auf Endlosschleifen in
akustisch-optischer Korrespondenz stehen
mit dem 'Marterl', das außerhalb des
Pavillons im Park steht. Die
Andeutungen von Naturgeräuschen, die
aus den Lautsprechern dringen, fügen sich
mit den Ausschnitten von der Natur, die
man durch die Fenster wahrnimmt, zu der
audiovisuellen Einheit, die als Leitmotiv
über den Musiktagen steht ..."

Dieter Kölmel
Stuttgarter Nachrichten
21.10.1999

" ... Eine poetische, zu stiller
Kontemplation zwingende Arbeit
(Johannes S. Sistermanns). Eine gewisse
Ähnlichkeit bestand zu beiden Werken im
und am Pavillon des Schloßparks, wo
Norbert Walter Peters mit seinen äußerst
leisen, fast amorph rauschenden
Anbringungen Vasí-on höchste
Konzentration beim Lauschangriff
forderte ..."

Stefan Dettlinger
Südkurier Konstanz
19.10.1999
1993 nach oben
1993 Einführungstext zu "Injunktion"

"Im Studio des Heidelberger Kunstvereins
will Norbert Walter Peters eine ‚Tragödie
der Geräusche’ inszenieren. Ausgangspunkt
ist die antike Geschichte der Antigone nach
dem Text von Sophokles. Die Tochter des
tebanischen Königs Ödipus fällt in Ungnade,
weil sie einem getöteten Feind Thebens
gegen den  gottlosen Willen ihres Onkels
Kreon ein Begräbnis gewährt und den
Leichnam symbolisch mit Staub bedeckt.
Am Ende wird sie selbst lebendig begraben.

Peters gibt jeder Figur ein akustisches
Profil: Er hat Geräusche aus dem
alltäglichen Erlebnisraum und organische,
dem Verfallsprozess unterworfene
Materialien, die für die akustisch-visuelle
Umsetzung geeignet sind, gesammelt und
mit Hilfe einer formal strengen Partitur als
Geräuschcollage auf 12 (Endlos-) Kassetten
übertragen.

Auf der Ebene der visuellen Darstellung
kommen in Analogie zu den Geräuschquellen
organische Substanzen zum Einsatz. Im
Dialog mit den Tonkonserven gestalten sie
den Raum. Dieser Dialog ist so eng gefasst,
dass die Gesamtinszenierung als Einheit
empfunden wird, wobei allerdings die eine
sensuelle Erlebnisform die andere keineswegs
illustriert. Organische Substanzen sind in
diesem Falle für Peters’ Projekt mit dem Titel
‚Injunktion’ (Verfügung, Anordnung) Alga- und
Kompoststaub, der als feiner grüner und
brauner Überzug den Boden des gesamten
Studios bedeckt (‚ ... dünn lag Staub auf
dem Leichnam, wie um den Fluch zu
bannen’, Sophokles, ‚Antigone’, Zeile 255).
Gleichzeitig wird das Einbringen einer nach
den Himmelsrichtungen ausgeloteten
Aussparung in Kreuzform zu erkennen
sein.“

Hans Gercke
„Gegenwärts“
Dezember 1993
  nach oben
1992 Katalogtext zu "EKSIT"

„Die Installation ‚EKSIT’ von Norbert Walter
Peters, die skulpturale, musikalische und
mimetisch-theatralische Elemente miteinander
verbindet, lässt sich, in der Visualisierung
von Immateriellem, in der bildnerischen
Verwendungvon konkreter Musik am ehesten
als Toninszenierung begreifen. Die an die
Stationen des Kreuzwegs und die somit
vorgegebene Situation und Stimmung
angelehnte Dramaturgie stützt sich auf
einige wenige Ausdrucksmittel – von
Kassettenrekordern wiedergegebene
Geräusche, einen mit Spuren gezeichneten,
den Leidensweg Christi suggerierenden
Leinenstreifen – und verdichtet sich
allmählich zu einem räumlichen Bild von
einer Existenz, einer Kraft und deren
Verletzung.

Subtil und leise – durch die geringe
Lautstärke und die Vielfalt der gleichzeitigen
Sinneseindrücke wird der Betrachter/Zuhörer
gezwungen, um der Wahrnehmung willen auf
die Knie zu gehen, womit er als Handelnder
einbezogen wird und die real-hstorische mit
der fiktiven Situation des Leidensweges
verknüpft, die Absenz einer agierenden Person
macht die bedrückende Einsamkeit des
Kreuzgangs fühlbar – vollzieht ‚EKSIT’ eine
Annäherung an die Frage von Sinn und
Bedeutung und übernimmt selbst
Gleichnisfunktion. In einer Situation von Trauer
und Schmerz, assoziiert durch pfeifende
Atemgeräusche, Zischen und das ängstliche
Scharren und Quieken einer Maus, in einer
Atmosphäre von Gewalt und Tod, nahegelegt
durch Rost- und Staubspuren auf dem
Leinenband, die Geräusche einer Motorsäge,
einer hämmernden Axt und eines
niederprasselnden Baumes, wird eine konkret
erfahrbare Parallele gezogen zwischen dem
Leidensweg Christi und der Zerstörung von
Natur. ‚EKSIT’ schafft Betroffenheit, weil es
Fragen an die Menschen als in beiden Fällen
Agierende (oder Nicht-Agierende) aufwirft.
Das Element der Hoffnung bleibt nur
angedeutet: die pflanzlichen (Chlorophyll-)Spuren
auf dem Leintuch, die akustischen Spuren des
Blätterrauschens verweisen auf Natur als
(zu schwaches?) Element der Reinigung,
das unbefleckte Ende des Leinenbandes,
dessen Abstreifung sind Andeutung der
Auferstehung.

Die Toninszenierungen von Norbert Walter
Peters sind nicht nur interdisziplinäre Aktion.
In der Kombination mit objekthaften Residuen
erweitern sie das Medium Musik um eine als
Materie fassbare, als Vorgang in Raum und Zeit
erfahrbare Dimension.

Katalog
„Grenzgänge“
Kunst in der Welschen Mühle
von Dr. Gerhard Effertz
Aachen-Haaren Oktober 1992
   
1991 Einführungstext zu "EKSIT"

"Kreuzwege
sind Kreuzigungswege
sind Tötungswege
sind Wege zum Tod
Exit Exitus

Kreuzwege
kreuzen mein Leben
meine Lebensplanung
durchkreuzen mein Lebenskonzept
führen mein Leben ins Abseits
Kreuzwege
sind Abseitswege
sind Sackgassen
sie enden auf Golgotha

Kreuzt mich ein Kreuzweg,
dann höre ich Stimmen, Geschrei, Weinen,
Klagen, Gelächter, Gebrüll,
da wird geschlagen, getreten, gespien,
genagelt, getötet, zugestochen,
geschossen, gebombt, zielsicher gebombt
mit dem Fadenkreuz.
Auf Kreuzwegen vernehme ich Befehle
und das Jawohl,
da vertreibt die Angst das Gehirn unter
dem Helm, so dass es quietscht,
da wird zur Trommel geschlagen, während
Peitschen knallen,
da johlt die Menge beim Fall,
beim ersten Fall, beim zweiten Fall,
beim dritten Fall,
da bebt die Erde, da zucken Blitze und
knallen Donner,
da wird es ganz still, wenn einer das
Leben aushaucht,
Exit, Exitus,
die Pappel, der Pappelbaum,
der Lebensbaum kippt.
Ein Schrei, ein Verzweiflungsschrei,
und es ist vollbracht.

Ich schließe die Augen,
ich höre Musik,
ganz leise Musik,
sphärische Klänge,
gestrichene Töne,
Geräuschmusik,
das bisher Schrille wird zur Harmonie,
als ob perfide Tieffliegerfolter plötzlich verstummt
und Leeres freigibt,
nichts als Leere,
das Fehlen von Krach,
Exit,
die Folterknechte sind weg,
ER bleibt übrig,
das Häuflein Mensch,
ich packe es ein,
umhülle es sanft,
Leinen, Leinenstreifen wickeln den Tod,
das Leben schläft,
das Kind erwacht,
die Motte schwärmt,
die Gelbhalsmaus quiekt,
der Wind säuselt,
der Schoß der Erde treibt,
der Kreuzweg grünt.“

Herbert Falken, Priester und Maler
Einführung zur Rauminstallation
in der Kunst-Station Sankt Peter Köln

26-03-1991
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– texte –
zu CavæTòna
zu Vasí-on
zu Injunktion
zu EKSIT
Radiofeature DLF
Reinhard Ermen:
"Ich transportier' Energie"
Helga de la Motte-Haber
"Vom Innen und Aussen
der Klänge"
Helga de la Motte-Haber
"Klangkunst.Tönende Objekte
und klingende Räume" -
Handbuch der Musik im
20.Jahrhundert, Band 12